Bootstrapping: Was bedeutet das – und lohnt es sich?
Sechs Jahre Wachstum ohne Investoren – was Bootstrapping konkret bedeutet, welche Alternativen existieren und warum Cohaga 2026 erstmals externes Kapital aufnahm.

startups.ch hat Isabel Bischof und Fabio Mätzler getroffen und sie zu Bootstrapping, Finanzierungsalternativen und dem strategischen Entscheid für externes Kapital befragt. Hier sind ihre Antworten.
Ihr wart mit Cohaga sechs Jahre lang bootstrapped. Was bedeutet das konkret?
Bootstrapping bedeutet für uns: Wachstum ohne externes Kapital. In den ersten sechs Jahren haben wir Cohaga vollständig aus eigenen Umsätzen aufgebaut – ohne Investoren, ohne grosse Marketingbudgets und ohne finanzielles Sicherheitsnetz. Jede Entscheidung musste direkt am Markt funktionieren. Wir konnten uns keine langen Experimente leisten, sondern waren gezwungen, von Anfang an ein Geschäftsmodell zu entwickeln, das echten Kundennutzen schafft und Umsatz generiert. Der Fokus lag konsequent auf Vertrieb, Product-market fit (PMF) und nachhaltigem Wachstum.
Der grösste Vorteil dieses Weges war unsere Nähe zum Markt. Wir haben sehr früh verstanden, wie Unternehmen tatsächlich Leads generieren, wo sie scheitern und was wirklich funktioniert. Gleichzeitig hat Bootstrapping auch klare Grenzen: Wachstum ist langsamer, Ressourcen sind begrenzt und gerade im Tech- und KI-Bereich fallen hohe initiale Kosten an.
Welche Alternativen gibt es zum Bootstrapping?
Grundsätzlich gibt es zwei zentrale Arten der Unternehmensfinanzierung: Eigenkapital und Fremdkapital. Beim Eigenkapital gibt man Anteile am Unternehmen ab und erhält im Gegenzug Kapital sowie oft auch Know-how und Netzwerk. Eine häufige frühe Form sind sogenannte Family & Friends – also Kapital von Personen aus dem persönlichen Umfeld, die an die Gründer glauben und initial unterstützen.
Danach folgen Business Angels, also erfahrene Unternehmerpersönlichkeiten oder Investoren, die neben Geld auch operative Erfahrung und Kontakte einbringen. Venture Capital beschreibt Investitionen durch spezialisierte Fonds, die gezielt in wachstumsstarke Startups investieren, meist mit dem Ziel, diese schnell zu skalieren. Private Equity wiederum kommt häufig bei etablierten Unternehmen zum Einsatz und bewegt sich oft im Millionenbereich.
Demgegenüber steht Fremdkapital, also klassische Finanzierungen über Banken oder Unternehmenskredite. Hier behält man die volle Kontrolle über das Unternehmen, muss das Kapital jedoch zurückzahlen und trägt das unternehmerische Risiko selbst.
Warum habt ihr euch zunächst für Bootstrapping entschieden und was waren die Vor- und Nachteile?
Für uns war Bootstrapping in der Anfangsphase der richtige Weg. Es hat uns ermöglicht, unabhängig zu bleiben, ein gesundes Wachstum aufzubauen und die Komplexität niedrig zu halten, da wir keine Investoren-Reports oder externen Erwartungen managen mussten. Der Fokus lag klar auf echter Wertschöpfung und nicht auf Fundraising.
Die Nachteile waren vor allem die begrenzte Geschwindigkeit beim Skalieren sowie eingeschränkte Ressourcen in Marketing, Sales und Produktentwicklung. Besonders im Tech- und KI-Bereich ist es herausfordernd, ohne externes Kapital mit finanziell potenten Mitbewerbern mitzuhalten.
Warum habt ihr euch 2026 entschieden, Kapital aufzunehmen?
Im März 2026 haben wir bewusst den nächsten Schritt gemacht und erstmals Kapital aufgenommen. Nach sechs Jahren Bootstrapping haben wir zwei erfahrene Business Angels aus dem Tech- und SaaS-Bereich an Bord geholt, die sich mit einem siebenstelligen Investment an Cohaga beteiligt haben. Für uns war dabei nicht nur das Kapital entscheidend, sondern vor allem die Erfahrung, das Netzwerk und die unternehmerische Denkweise dieser Investoren. Gleichzeitig läuft die Zusammenarbeit bewusst unkompliziert und auf Augenhöhe, ohne starre Reporting-Strukturen. Das zusätzliche Kapital ermöglicht es uns, gezielt in Wachstum zu investieren, insbesondere in neue Produkte wie ranQ und in unsere Position im Bereich KI-basierter Sichtbarkeit.
Würdet ihr diesen Weg wieder gehen?
Ja. Bootstrapping hat uns gezwungen, ein solides Fundament aufzubauen, ein funktionierendes Geschäftsmodell, echte Kundennähe und klare Prioritäten. Genau diese Grundlage erlaubt es uns heute, externe Finanzierung gezielt und strategisch einzusetzen, statt darauf angewiesen zu sein. Ich persönlich finde es auch am gesündesten, wenn man sein Geschäft wirklich mit eigenem selbstverdientem Geld finanzieren kann und es nicht künstlich aufgeblasen wird. Wenn man dann quasi feststellt, dass echter PMF da ist, kann man immer noch auf externes Funding zurückgreifen.
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